Guten Tag.
In den letzten Tagen war das internetbasierte Gejammer wieder einmal groß. Da man ja nicht immer hintan stehen kann, reihe ich mich, um opportunistisch motivierten Beifall heischend, nahtlos in einige der tagesaktuellen Klagelieder ein.
Aufreger Nummer 1
Es gibt auf dem internationalen Markt der Oberbekleidung für ein eher simpel gestricktes Publikum einen Konfektionisten US-amerikanischer Provenienz namens Abercrombie & Fitch. Dieses inzwischen recht verbreitete und namhafte Unternehmen hat einen Eigentümer, der gelegentlich zu gewissen Schrulligkeiten in der Personalführung neigt; zuweilen gelangt er also nicht nur wegen seiner Produkte, sondern auch seiner Sicht auf die Mechaniken des Geschäfts in die Presse.
Derzeit ist die Empörung aber vor allem deswegen allenthalben groß, weil festgestellt wurde, dass Abercrombie & Fitch im reichhaltigen Produktportfolio der Freizeitbekleidung offensichtlich vieles anbietet, aber nicht alle gängigen Konfektionsgrößen. Der Eigentümer, so wird kolportiert, möchte nur Menschen, die in seinem ästhetischen Weltempfinden als schön gelten, einkleiden. Alle buckligen, fetten, hässlichen und anderes Gelumpe möge bitte andernorts seine massiv überteuerten Baumwollhüllen erwerben und möglichst nicht mit seiner Marke in Verbindung gebracht werden.
Darüber kann man sich aufregen. Wenn man bucklig, fett oder hässlich ist. Oder wenn man sich gerne über Dinge aufregt.
Worum aber geht es wirklich?
Gehen wir kurz davon aus, dass es wirklich nicht in Ordnung wäre, wenn der Produzent einer Ware nur eine bestimmte Käuferschicht bedienen will. Er also vom gesamten Geschäftskonzept her Menschen aufgrund, sagen wir mal, ihres Körpergewichts ausschließt.
Dann allerdings muss die Frage gestattet sein, warum, sagen wir einmal, das Modeunternehmen ‘Ulla Popken’ weiterhin in Frieden sein Geschäft betreiben kann, ohne dass Heerscharen empörter Aktivisten vor den Filialen Sitzblockaden betreiben und zu einem allgemeinen Konsumboykott aufrufen. ‘Ulla Popken’ verkauft nämlich nur Konfektionsgrößen, in denen sich Menschen mit einem Body Mass Index von gefühlt über 30 wohlfühlen. Was ist also mit den Durchschnittsbürgern, die über einen geringeren Körperfettanteil verfügen? Warum hat ‘Ulla Popken’ keine eigene Abteilung für Kleinwüchsige, sexuell Unentschlossene oder anorektische Klumpfußbesitzer?
Bei der Annahme, dass jeder Laden jedes Bedürfnis decken muss, können wir wohl nicht lange bleiben, denn das ist schlichtweg unmöglich.
Wenn man jetzt weiterhin davon ausgeht, dass außerhalb des real existierenden Totalitarismus jeder Unternehmer zunächst mal das Warenangebot feilbieten kann, das er für gewinnträchtig erachtet, muss die Ursache für das aktuelle Empörungsfürzlein also andernorts zu finden sein.
Ist es vielleicht der Marx’sche Warenfetischismus, dessen Unterscheidung zwischen Gebrauchswert und Tauschwert einer Ware hier zum Tragen kommt? Kann es also sein, dass hier jemand furchtbar gerne einem hipsteresken Trend hinterherlaufen möchte, dies aber aufgrund individueller Unzulänglichkeiten nicht darf? Hier böte es sich an, trotzdem die großflächig belabelten Artikel von Abercrombie & Fitch zu erwerben, die Buchstaben, die dort allenthalben auf der Oberbekleidung zu finden sind, abzutrennen und sie auf einen beliebigen Artikel der Marke C&A aufzunähen. Schon kann man wie jeder andere Lemming markensicher durch die Stadt flanieren und sich selbst so etwas wie Stil oder Individualität vorgaukeln.
Wenn es jedoch eher die Empörung darüber ist, dass die Mitarbeiter von Abercrombie & Fitch selbst bis hin zum Körpergeruch reglemeniert werden – na und? Niemand wird gezwungen, für einen vollkommen überkandidelten Knallkopf zu arbeiten. Und bevor jetzt wieder das weinerliche ‘aber es gibt ansonsten keine Arbeit auf dieser Welt für diese armen Menschen’ kommt: Jeder, der dort arbeitet, hat mutmaßlich sein Auskommen und damit die Möglichkeit, sich in seiner Freizeit schnellstmöglich eine geruchsneutrale neue Stelle zu suchen, ohne der Gefahr des sofortigen Verhungerns anheimzufallen. Und dann eben seinen Hut zu nehmen.
Falls die erregte Protestwelle aber, wie sie es so oft tut, einfach nur protestiert, weil man gerade eine neue Sau gefunden hat, die man durchs Dorf treiben kann, empfehle ich, die Produkte einfach nicht zu kaufen und die Fresse zu halten. Danke.
Aufreger Nummer 2
Brüste, besonders die von Frauen, sind offensichtlich ein Thema von allgemeinem Interesse. Je prominenter die jeweilige Brustbesitzerin ist, desto stärker auch die Partizipation der Öffentlichkeit an den entsprechenden Weichteilen. Wenn es dann noch jemanden betrifft, der nicht nur prominent, sondern ohne jegliches Talent jenseits des Körperbaus schauspielert, ist das Interesse nicht nur grenzenlos, nein, offensichtlich mutiert dann die gesamte Netzgemeinde schlagartig zum Brustexperten.
Jetzt hat Angelina Jolie, als Charakterdarstellerin aus so fundamentalen Meisterwerken wie ‘Die Brüste einer Archäologin’, ‘Brüste im Mittelalter’ und ‘Antike Atomtitten’ bekannt, sich selbige Brüste entfernen lassen. Der zugehörige empörte Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten. Wildeste Mutmaßungen brachen sich Bahn – die Frau hätte das als Marketing-Aktion gedacht, sie sei eine narzisstische Selbstverstümmlerin et cetera et cetera.
Lustigerweise regt sich die Welt über diesen Akt der körperlichen Veränderung auf – dass die Dame seit Jahren bratschlauchartige Lippen (im Gesicht) durch die Weltgeschichte trägt, die offensichtlich nicht ganz natürlichen Ursprungs sind, prangert niemand an.
Aber zurück zu den Brüsten von Angelina Jolie. Auch wenn sie die fleischgewordene Wichsvorlage einer ganzen Generation von Computerspielern und damit Teil des Weltkulturerbes ist, müssen zwei Fragen gestattet sein. Erstens: darf Angelina Jolie nicht alleine und selbstbestimmt über ihren Körper verfügen? Zweitens: Brauchen wir eigentlich schon nicht mehr.
Denn die Antwort auf die erste Frage lautet: Ja, das ist ihr Körper. Damit darf sie tun und lassen, was sie will. Und bei aller hormonseligen Empörung über den Entzug einer Steilvorlage für eine breit onanierende Masse: das geht auch nur sie etwas an. Und ganz nebenbei: Die Frau hat Angst vor Krebs, hat ihr persönliches Risiko bewertet und entsprechend ihrer Einschätzung gehandelt. Ihre Sache.
Worum geht es also wirklich?
Bevor ich diese Frage abschließend beantworte, möchte ich zunächst noch ein weiteres Beispiel anführen und komme deswegen zu
Aufreger Nummer 3
Falls Sie sich schon einmal in einem dieser schummrigen Internet-Kontakthöfe für latent untervögelte Randexistenzen wie Twitter oder Facebook herumgedrückt haben, kommen Sie recht schnell an einen unvermeidbaren Punkt: Den der Maßregelung durch vollständig Unbekannte. Tu’ dies nicht, schreib’ das nicht und verwende auf gar keinen Fall eine bestimmte Vokabel! In der Regel folgt eine schwallartig erbrochene Begründung voller selbstgerechten Zorns und moralischer Entrüstung.
Selbstverständlich kann und sollte man sich weigern, sich derartigem Gewinsel zu beugen. Ob man es so weit treiben muss wie neulich ein taz-Redakteur orientalischer Provenienz, sei dahingestellt. Selbiger Zeitgenosse hat auf einer Veranstaltung seines Blättchens eine Rede von Martin Luther King zitiert, im zitierten Teil kam mehrfach die Vokabel ‘Neger’ vor. Das Publikum hat es ihm nicht gedankt. Es muss drollig anzusehen gewesen sein, als das ‘links’ orientierte Publikum ausgerastet ist, wie sie weinend ihre empörten Fäustchen auf ihre verletzten Öhrchen pressen mussten, weil eine Aussage in einem historischen Kontext leider nicht in ihre von zum Götzen erhobener political correctness zerfressenen und durch dogmatisch verblendete Kritik- und Konfliktunfähigkeit amputierten Gehirnchen passte.
Das Towubabohu war jedenfalls groß, die Entrüstung noch größer. Solcherlei Reaktionen sollte man also bedenken und das Für und Wider sorgfältig abwägen.
Ich für mich habe jedoch bereits eine Entscheidung getroffen, denn ich habe für mich festgestellt, worum es hier wirklich geht.
Zahlreiche Zeitgenossen, seien es Oberbekleidungs-Protestierer, Brustamputations-Empörer oder Negersager-Ausflipper, gehen von einer vollständig falschen Grundannahme aus. Sie glauben tatsächlich, dass es die Aufgabe der restlichen Menschheit sei, sich ihre Befindlichkeiten zu eigen zu machen.
Für diese Menschen habe ich eine sehr, sehr schlechte Nachricht:
Es ist nicht mein Job, der Erwartungshaltung anderer zu entsprechen. Und ich mache ihre Probleme nicht automatisch zu meinen.
Ich habe einen Bauchansatz, schiefe Zähne und eine Stirnglatze. Ich habe aber nicht das Bedürfnis, dem Schönheitsideal anderer zu entsprechen. Weder werde ich mich verstecken, noch werde ich wie ein begastes Äffchen in den gerade aktuellen Hipsterschuppen rennen, um auch noch Geld dafür zu bezahlen, für den Hersteller drittklassiger Konfektionsfetzen Werbung zu laufen.
Ebensowenig, wie andere über meinen Körper befinden zu haben, entblöde ich mich, Menschen vorzuschreiben, was sie sich abschneiden oder anmontieren lassen.
Und bevor mich die Empörung über das Aussprechen eines ach so politisch unkorrekten Wortes dahinrafft und ich wie ein programmierter Gutmenschenlemming reagiere, denke ich darüber nach, ob ich die relevanten Aspekte einer Aussage auch wirklich zu erfassen in der Lage war.
Und all den traurigen Kreaturen, die sich selbst für so wichtig halten, dass sie davon ausgehen, dass mich ihre Befindlichkeit nicht nur interessiert, sondern ich sie mir auch noch zu eigen machen muss, rufe ich zu:
Ihre Befindlichkeiten interessieren mich einen Scheißdreck. Und es zeugt von mangelnden Respekt gegenüber Ihren Mitmenschen, wenn Sie glauben, dass Ihre wurstige Befindlichkeit wichtig genug wäre, dass andere sie als gegeben hinnehmen müssten. Also seien Sie nicht allzu enttäuscht, wenn Sie losblöken, es mich aber nicht interessiert.
Verbindlichsten Dank.



















