Das Ende aller Dinge

Das Ende aller Dinge

Guten Tag.

Haben Sie den Aufschrei gehört? Nein? Dann sind Sie mutmaßlich taub, tot, oder schlimmer, seit einigen Stunden offline. Wie ein Donnerhall, ein Fanal in dunkler Nacht oder das Menetekel in brennender Schrift (zutreffendes bitte ankreuzen), brandete diese Nachricht heute durch das Internet. Und wird morgen in sämtlichen Offline-Medien zu lesen zu sein. Mitte Mai merkt es dann vielleicht sogar Spiegel Online:

Twitter will uns zensieren.

Schock schwere Not.

Die Reaktionen auf dieses vollkommen unerwartete und absolut überraschende Verhalten führten und führen in der Netzgemeinde zu Reaktionen, die in der Tat mehr als vorhersehbar sind.

Zunächst wurde das Ende der Freiheit beschworen. Wie, um Himmels Willen, soll es jemals wieder möglich sein, in Ländern eine Revolution auszulösen? Also, einen korrupten Machthaber an den nächsten Baum zu knüpfen, damit ein anderer korrupter Machthaber danach die Früchte der jeweiligen Volkswirtschaft in die eigenen Taschen stecken kann. Oder die Bevölkerung irgend welche Fundamentalspinner an die Macht wählen kann, die allen Frauen Kaffewärmer aufsetzen, weil sie des Satans sind. Oder ein Land durch Entmachtung des aktuellen durchgeknallten Perverslings so weit zu destabilisieren, dass 200 andere durchgeknallte Perverslinge mittels ihrer Milizen sich gegenseitig in die Luft sprengen können. Inklusive Bevölkerung, versteht sich.

Auf diese Freiheit will doch ernsthaft niemand verzichten.

Der nächste Schritt wurde, erneut vorhersagbar, erneut mit der gewohnten Konsequenz, gegangen. Ein Twitter-Mem wurde gefunden, damit sich unter diesem Banner all die Tapferen scharen können, die endlich eine Gelegenheit gefunden haben, um ihrem ganz persönlichen Unrechtsempfinden endlich Ausdruck verleihen zu können. Dieses Mal ist es

#TwitterBlackout 

Der allgemeine Konsens besteht darin, am 28. Januar 2012 nicht zu twittern. Aus Protest. Und in Japan platzt ein Sack Mikrochips.

Das Problem an entrüsteten Massenbewegungen, die schlagartig ihre heiße Liebe zur Freiheit, dem Juchtenkäfer, niedlichen Robbenbabies oder anderen weltweit polarisierenden Themen finden ist, dass diese Bewegeungen leider zweier entscheidender Fähigkeit nicht teilhaftig werden:

Die erste ist, dass sie das Kleingedruckte nicht lesen können.

Das Kleingedruckte

1. Twitter ist keine Organisation der Vereinten Nationen. Das mag für einige überraschend sein, aber bei Twitter handelt es sich um ein Unternehmen. Und weder Jack Dorsey noch seine Mitarbeiter können (und wollen) von Luft und Liebe leben. Twitter verdient Geld. Nicht auf Wohltätigkeitsbällen. Sondern mit den Daten seiner Nutzer. Oder müssen Sie jedes Mal einen Euro in Ihr DVD-Laufwerk stecken, wenn Sie Twitter benutzen wollen? Werden Sie bei Twitter mit Werbung dauerberieselt? Gibt es eine bundeseinheitliche Twittersteuer? Hm. Woher mag also Herrn Dorseys Gehalt kommen?

Lebt offensichtlich nicht nur von Luft und Liebe: Jack Dorsey.

Lebt offensichtlich nicht nur von Luft und Liebe: Jack Dorsey.

2. Twitter zensiert bereits seit seiner Gründung. Glauben Sie nicht? Dann probieren Sie doch mal, “Mein Kampf” in 140-Zeichen-Häppchen bei Twitter in die Welt hinauszuschicken. Denn überraschenderweise will Twitter nicht wegen der Inhalte seiner Nutzer belangt werden. Falls Sie glauben, das ginge nicht, werfen Sie doch mal einen Blick in das Telemediengesetz, Paragraph 8.

Diese Gestalten haben das Telemediengesetz gemacht.

Diese Gestalten haben das Telemediengesetz gemacht.

3. Twitter gehört nicht dem Erzengel Gabriel. Bereits seit geraumer Zeit ist die Kingdom Holding Company mit einer Summe von 300 Millionen Dollar an Twitter beteiligt. Diese Firma gehört einem Herrn namens Alwaleed Ibn Talal, der neben einer ordentlichen Portokasse auch noch über den Titel eines saudischen Prinzen verfügt, denn sein Onkel ist da König. Und der gute Onkel mag es nicht, wenn man in seinem Land den König beleidigt, seinen Gott lästert oder sich der Hexerei schuldig macht. Dafür wird man dann wahlweise enthauptet, gehängt, gesteinigt oder erschossen. Und Sie glauben, dieser nicht unerhebliche Anteilseigner von Twitter hat ein Interesse daran, dass sein Kommunikationsnetzwerk dafür genutzt wird, eben diese Verbrechen zu begehen?

Dieser Herr investiert gerne in neue Technologien. Sein Onkel mag auch Althergebrachtes.

Dieser Herr investiert gerne in neue Technologien. Sein Onkel mag auch Althergebrachtes.

Doch kommen wir zur zweiten Fähigkeit – der

Geduld,

der es Bedarf, einen Sachverhalt selbst zu recherchieren.

Zugegeben, im Internet gibt es eine verwirrende Anzahl von Buchstaben, in beinahe unendlich vielen Kombinationen. Falls man sich aber die Mühe macht, einen leidlich gut gewählten Begriff in die Suchmaschine seiner Wahl einzugeben, gelangt man schnell zu der Erkenntnis, dass die Dinge sich nicht ganz so verhalten, wie es in der hormonellen Aufwallung der ersten Empörung scheinen mag:

1. wird Twitter seine Zensur reaktiv einsetzen. Das bedeutet, dass zu jedem einzelnen Tweet erst Mal ein juristisch Befugter bei Twitter eine Anfrage stellen muss. Glauben Sie, das geschieht, bevor der entsprechende Tweet nicht schon längst sowieso im sanften Nebel des Vergessens versunken ist?

2. sagt Twitter zu, alle Zensurvorgänge öffentlich zu dokumentieren. Alleine diese Tatsache führt jegliche lokale Zensur ad absurdum. Denn so wird die Meinung der Zensierten nicht unterdrückt, sondern ihre Zensoren und deren Motive bloßgestellt.

Falls Sie inzwischen Lust bekommen haben sollten, sich mit diesem Thema ausführlicher zu beschäftigen, möchte ich Ihnen gratulieren. Meine verkürzte und etwas überspitzte Darstellung deckt weder die gesamte Bandbreite der Thematik ab, noch ist mein Standpunkt hier wirklich neutral.

Ich werde am 28. Januar 2012 jedenfalls munter weitertwittern, denn wenn ich schon auf die Barrikaden gehe, dann sicher nicht wegen des wilden Aktionismus von Menschen, die zu faul sind, das Kleingedruckte zu lesen.

Ich danke für Ihre Aufmerksamkeit. Und kommen Sie gut durch die Nacht.

My 5 Cents.

My 5 Cents.

24 Antworten »

  1. Hey Morgen ist ja schon der 28.01…..shit ich werd alt D:

    Ich hab das in den letzten Tagen auch mitbekommen und nur geschwiegen und genossen (allein aus desinteresse (das liegt darin Begründet das ich nichts poste was Zensiert werden müsste) was die Leute mal wieder für einen Schmarn reden nur weil sie i-was aufgeschnappt haben ohne sich zu Informieren.

    Was übrigens darin begründet liegt das die Leute schnell ein Urteil fällen, besonders wenn es um Groß-Unternehmen, Freiheit, Geld und ähnliches geht, und dann aus Scham (oder etwas ähnlichem) nicht die Wahrheit (und damit ihr Unrecht) akzeptieren wollen.

    Diesen Leuten kann man also nur sagen: Wenn man keine Ahnung hat, einfach mal die Messe halten (das geht auf Kosten der Christen diesmal ;) ).

  2. Ich hätte es weder treffender noch schöner sagen können. Nicht nur inhaltlich sondern auch rhetorisch ist Herr Zopf für mich im Netz einer der ganz Großen. Zudem noch zeitnah und auf den Punkt.
    Zu Schade dass der Wald und Wiesenjournalismus zu wenig dieser erquicklichen Stilmittel nutzt. Aber ich sehe es ein, schwächstes Glied, Kette und so. Nicht auszudenken würde die breite Leserschaar der Regenbogenpresse ganz plötzlich mit Ironie, Sarkasmus und nachrecherchierbaren Fakten konfrontiert werden. Das System würde kollabieren.
    Und das wollen wir ja nicht. Also liebe Masse, immer schön der Herde nach, hier gibt es für sie nichts zu verstehen, bitte schauen sie weiter Unterschichten TV.

  3. Das ist alles sehr witzig, aber letztlich ist es ein zynisch triefender Aufruf, alle die sich gegen Zensur einsetzen, als einen aufgescheuchten Hühnerhaufen herabzuwürdigen. Oder genauer: hinabzuwürdigen.

    Auch wenn die ganze Sache letztlich ein Versagen der Abteilung Öffentlichkeitsarbeit auf ganzer Linie war, so wird die heute gezeigte Sensibilität für das Buzzword Zensur sicher in strategische Überlegungen der Firma Twitter Eingang finden.

    Mit mehr Substanz und weniger Häme geht es übrigens die Redaktion von ZAPP an: http://zapp.blog.ndr.de/2012/01/27/twitter-verbessert-sich-und-alle-schreien-zensur/

    Aber nichts für ungut, Du weißt, dass ich Deine Häme auch schätze – andernorts ;)

    Ich jedenfalls mache beim #twitterblackout mit – um zu demonstrieren, dass ich mich auch in Zukunft wie ein aufgescheuchter Hühnerhaufen verhalten werde, wenn solche zurmachtgekommenen Unternehmen ihre Macht auszunutzen scheinen.

    In Liebe, die immer deine

    Loretta

    • Liebe Loretta. (oh weh, ich lache immer noch)

      Danke für deinen Kommentar. Dass ich das Ganze inhaltlich ausschließlich zu einer Seite gewichtet habe, habe ich doch hoffentlich deutlich gemacht? Selbstverständlich hast du Recht, wenn du sagst, dass es durchaus legitime Gründe dafür geben kann, an diesem Boykott teilzunehmen.
      Intention meines Posts ist es nicht, die Leute herabzuwürdigen, die da für sich eine bewusste Entscheidung zur Teilnahme an dieser Aktion entschieden haben.

      Mir geht es eher darum, die etwas blauäugige Mentalität aufzuzeigen, mit der sich Menschen vor einen Karren spannen lassen, ohne sich informiert zu haben, was denn eigentlich Sache ist. Da hätte auch ein anderes Beispiel herhalten können, dieses bot sich nur der Aktualität wegen eben an.
      Ich hätte genauso gut etwas über Pay Pal schreiben können und die Menschen, die da bereitwilligst ihr Inneres nach Außen kehren.

      Den Beitrag von Zapp las ich ebenfalls, ich halte ihn auch für eine gelungene Darstellung.

      Dass es grundsätzlich richtig ist, seinen politischen Willen zu formulieren, und es auch nicht dadurch dümmer wird, dies bei einer Sache zu tun, die ich ganz persönlich für Humbug halte, steht für mich außer Frage.

      Ebenso, dass Zensur verwerflich ist. Immer, egal, aus welchen vermeintlich höheren Beweggründen.

      Nochmals, danke für deinen Post und deine Meinung.

      Dein

      Arschhaarzopf

      • Das sehe ich auch so. Bei aller Notwendigkeit eines informierten Protestes gegen viele ungute Entwicklungen weltweit, scheint es doch eine sehr starke Tendenz zu geben, aufgeregt auf ein Pferd aufzuspringen, dessen Namen man weder kennt noch kennen will. So eine Art Tendenz: Hauptsache Protest, Protest ist immer gut. Und wenn ich dazu noch nicht einmal vom Sofa aufstehen muss, umso besser.
        Schön ist es immer, wenn man die Dinge beim Namen nennt und zugleich der Heiterkeit verpflichtet bleibt. Tierisch ernst nimmt man ohnehin viel zu viel
        meint
        mesalina

  4. Liebe Rosetta,

    wir sehen beide dasselbe: eine Gruppe, die hypersensibel auf ein Buzzword reagiert, ohne die Hintergründe genauer zu recherchieren. Du kritisierst die Seite der “Faulheit”. Ich allerdings bin froh, dass es wenigstens diese hypersensible Reaktion gibt.

    In gewisser Hinsicht bist Du also der Optimist von uns beiden, der sagt: wir müssen noch MEHR investieren, GENAUER nachsehen, worüber wir uns aufregen. Ich bin der Pessimist, der sagt: Wir nehmen uns sowieso nicht die Zeit, genauer hinzusehen, also müssen wir wenigstens dann kreischen, wenn die institutionell gesetzten Medien (‘Massenmedien’) uns das Signal geben.

    Das, was Du von den Nutzern verlangst, sehe ich eher als Aufgabe der Massenmedien. Hier haben von Dietmar Dath in der FAZ bis zum Guardian alle versagt. Nur das ZAPP-Magazin nicht (hier bitte Pulitzer-Preis einfügen).

    Love

    Beretta

  5. Pingback: Der #Twitterblackout und worum es eigentlich geht - vinzv

  6. “1. Twitter ist keine Organisation der Vereinten Nationen.” Also ab zu identi.ca, da gibt es das in open-source incl. Retrohülle.
    Super auf den Punkt gebracht.

    Statt #MeinKampf verklausuliert man das ganze und schreibt #MimimiKrampf. Happy Tweetering!

  7. Pingback: top 100 | Lesvosnews.net

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  9. Pingback: Brüste, Gutscheine von Amazon und das Junglecamp « Miolicious

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