Fette Krüppel und Negersager

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Guten Tag.

In den letzten Tagen war das internetbasierte Gejammer wieder einmal groß. Da man ja nicht immer hintan stehen kann, reihe ich mich, um opportunistisch motivierten Beifall heischend, nahtlos in einige der tagesaktuellen Klagelieder ein.

Aufreger Nummer 1

Es gibt auf dem internationalen Markt der Oberbekleidung für ein eher simpel gestricktes Publikum einen Konfektionisten US-amerikanischer Provenienz namens Abercrombie & Fitch. Dieses inzwischen recht verbreitete und namhafte Unternehmen hat einen Eigentümer, der gelegentlich zu gewissen Schrulligkeiten in der Personalführung neigt; zuweilen gelangt er also nicht nur wegen seiner Produkte, sondern auch seiner Sicht auf die Mechaniken des Geschäfts in die Presse.

Derzeit ist die Empörung aber vor allem deswegen allenthalben groß, weil festgestellt wurde, dass Abercrombie & Fitch im reichhaltigen Produktportfolio der Freizeitbekleidung offensichtlich vieles anbietet, aber nicht alle gängigen Konfektionsgrößen. Der Eigentümer, so wird kolportiert, möchte nur Menschen, die in seinem ästhetischen Weltempfinden als schön gelten, einkleiden. Alle buckligen, fetten, hässlichen und anderes Gelumpe möge bitte andernorts seine massiv überteuerten Baumwollhüllen erwerben und möglichst nicht mit seiner Marke in Verbindung gebracht werden.

Darüber kann man sich aufregen. Wenn man bucklig, fett oder hässlich ist. Oder wenn man sich gerne über Dinge aufregt.

Worum aber geht es wirklich?

Gehen wir kurz davon aus, dass es wirklich nicht in Ordnung wäre, wenn der Produzent einer Ware nur eine bestimmte Käuferschicht bedienen will. Er also vom gesamten Geschäftskonzept her Menschen aufgrund, sagen wir mal, ihres Körpergewichts ausschließt.

Dann allerdings muss die Frage gestattet sein, warum, sagen wir einmal, das Modeunternehmen ‘Ulla Popken’ weiterhin in Frieden sein Geschäft betreiben kann, ohne dass Heerscharen empörter Aktivisten vor den Filialen Sitzblockaden betreiben und zu einem allgemeinen Konsumboykott aufrufen. ‘Ulla Popken’ verkauft nämlich nur Konfektionsgrößen, in denen sich Menschen mit einem Body Mass Index von gefühlt über 30 wohlfühlen. Was ist also mit den Durchschnittsbürgern, die über einen geringeren Körperfettanteil verfügen? Warum hat ‘Ulla Popken’ keine eigene Abteilung für Kleinwüchsige, sexuell Unentschlossene oder anorektische Klumpfußbesitzer?

Bei der Annahme, dass jeder Laden jedes Bedürfnis decken muss, können wir wohl nicht lange bleiben, denn das ist schlichtweg unmöglich.
Wenn man jetzt weiterhin davon ausgeht, dass außerhalb des real existierenden Totalitarismus jeder Unternehmer zunächst mal das Warenangebot feilbieten kann, das er für gewinnträchtig erachtet, muss die Ursache für das aktuelle Empörungsfürzlein also andernorts zu finden sein.

Ist es vielleicht der Marx’sche Warenfetischismus, dessen Unterscheidung zwischen Gebrauchswert und Tauschwert einer Ware hier zum Tragen kommt? Kann es also sein, dass hier jemand furchtbar gerne einem hipsteresken Trend hinterherlaufen möchte, dies aber aufgrund individueller Unzulänglichkeiten nicht darf? Hier böte es sich an, trotzdem die großflächig belabelten Artikel von Abercrombie & Fitch zu erwerben, die Buchstaben, die dort allenthalben auf der Oberbekleidung zu finden sind, abzutrennen und sie auf einen beliebigen Artikel der Marke C&A aufzunähen. Schon kann man wie jeder andere Lemming markensicher durch die Stadt flanieren und sich selbst so etwas wie Stil oder Individualität vorgaukeln.

Wenn es jedoch eher die Empörung darüber ist, dass die Mitarbeiter von Abercrombie & Fitch selbst bis hin zum Körpergeruch reglemeniert werden – na und? Niemand wird gezwungen, für einen vollkommen überkandidelten Knallkopf zu arbeiten. Und bevor jetzt wieder das weinerliche ‘aber es gibt ansonsten keine Arbeit auf dieser Welt für diese armen Menschen’ kommt: Jeder, der dort arbeitet, hat mutmaßlich sein Auskommen und damit die Möglichkeit, sich in seiner Freizeit schnellstmöglich eine geruchsneutrale neue Stelle zu suchen, ohne der Gefahr des sofortigen Verhungerns anheimzufallen. Und dann eben seinen Hut zu nehmen.

Falls die erregte Protestwelle aber, wie sie es so oft tut, einfach nur protestiert, weil man gerade eine neue Sau gefunden hat, die man durchs Dorf treiben kann, empfehle ich, die Produkte einfach nicht zu kaufen und die Fresse zu halten. Danke.

Aufreger Nummer 2

Brüste, besonders die von Frauen, sind offensichtlich ein Thema von allgemeinem Interesse. Je prominenter die jeweilige Brustbesitzerin ist, desto stärker auch die Partizipation der Öffentlichkeit an den entsprechenden Weichteilen. Wenn es dann noch jemanden betrifft, der nicht nur prominent, sondern ohne jegliches Talent jenseits des Körperbaus schauspielert, ist das Interesse nicht nur grenzenlos, nein, offensichtlich mutiert dann die gesamte Netzgemeinde schlagartig zum Brustexperten.

Jetzt hat Angelina Jolie, als Charakterdarstellerin aus so fundamentalen Meisterwerken wie ‘Die Brüste einer Archäologin’, ‘Brüste im Mittelalter’ und ‘Antike Atomtitten’ bekannt, sich selbige Brüste entfernen lassen. Der zugehörige empörte Aufschrei ließ nicht lange auf sich warten. Wildeste Mutmaßungen brachen sich Bahn – die Frau hätte das als Marketing-Aktion gedacht, sie sei eine narzisstische Selbstverstümmlerin et cetera et cetera.

Lustigerweise regt sich die Welt über diesen Akt der körperlichen Veränderung auf – dass die Dame seit Jahren bratschlauchartige Lippen (im Gesicht) durch die Weltgeschichte trägt, die offensichtlich nicht ganz natürlichen Ursprungs sind, prangert niemand an.

Aber zurück zu den Brüsten von Angelina Jolie. Auch wenn sie die fleischgewordene Wichsvorlage einer ganzen Generation von Computerspielern und damit Teil des Weltkulturerbes ist, müssen zwei Fragen gestattet sein. Erstens: darf Angelina Jolie nicht alleine und selbstbestimmt über ihren Körper verfügen? Zweitens: Brauchen wir eigentlich schon nicht mehr.

Denn die Antwort auf die erste Frage lautet: Ja, das ist ihr Körper. Damit darf sie tun und lassen, was sie will. Und bei aller hormonseligen Empörung über den Entzug einer Steilvorlage für eine breit onanierende Masse: das geht auch nur sie etwas an. Und ganz nebenbei: Die Frau hat Angst vor Krebs, hat ihr persönliches Risiko bewertet und entsprechend ihrer Einschätzung gehandelt. Ihre Sache.

Worum geht es also wirklich?

Bevor ich diese Frage abschließend beantworte, möchte ich zunächst noch ein weiteres Beispiel anführen und komme deswegen zu

Aufreger Nummer 3

Falls Sie sich schon einmal in einem dieser schummrigen Internet-Kontakthöfe für latent untervögelte Randexistenzen wie Twitter oder Facebook herumgedrückt haben, kommen Sie recht schnell an einen unvermeidbaren Punkt: Den der Maßregelung durch vollständig Unbekannte. Tu’ dies nicht, schreib’ das nicht und verwende auf gar keinen Fall eine bestimmte Vokabel! In der Regel folgt eine schwallartig erbrochene Begründung voller selbstgerechten Zorns und moralischer Entrüstung.

Selbstverständlich kann und sollte man sich weigern, sich derartigem Gewinsel zu beugen. Ob man es so weit treiben muss wie neulich ein taz-Redakteur orientalischer Provenienz, sei dahingestellt. Selbiger Zeitgenosse hat auf einer Veranstaltung seines Blättchens eine Rede von Martin Luther King zitiert, im zitierten Teil kam mehrfach die Vokabel ‘Neger’ vor. Das Publikum hat es ihm nicht gedankt. Es muss drollig anzusehen gewesen sein, als das ‘links’ orientierte Publikum ausgerastet ist, wie sie weinend ihre empörten Fäustchen auf ihre verletzten Öhrchen pressen mussten, weil eine Aussage in einem historischen Kontext leider nicht in ihre von zum Götzen erhobener political correctness zerfressenen und durch dogmatisch verblendete Kritik- und Konfliktunfähigkeit amputierten Gehirnchen passte.
Das Towubabohu war jedenfalls groß, die Entrüstung noch größer. Solcherlei Reaktionen sollte man also bedenken und das Für und Wider sorgfältig abwägen.

Ich für mich habe jedoch bereits eine Entscheidung getroffen, denn ich habe für mich festgestellt, worum es hier wirklich geht.

Zahlreiche Zeitgenossen, seien es Oberbekleidungs-Protestierer, Brustamputations-Empörer oder Negersager-Ausflipper, gehen von einer vollständig falschen Grundannahme aus. Sie glauben tatsächlich, dass es die Aufgabe der restlichen Menschheit sei, sich ihre Befindlichkeiten zu eigen zu machen.

Für diese Menschen habe ich eine sehr, sehr schlechte Nachricht:

Es ist nicht mein Job, der Erwartungshaltung anderer zu entsprechen. Und ich mache ihre Probleme nicht automatisch zu meinen.

Ich habe einen Bauchansatz, schiefe Zähne und eine Stirnglatze. Ich habe aber nicht das Bedürfnis, dem Schönheitsideal anderer zu entsprechen. Weder werde ich mich verstecken, noch werde ich wie ein begastes Äffchen in den gerade aktuellen Hipsterschuppen rennen, um auch noch Geld dafür zu bezahlen, für den Hersteller drittklassiger Konfektionsfetzen Werbung zu laufen.

Ebensowenig, wie andere über meinen Körper befinden zu haben, entblöde ich mich, Menschen vorzuschreiben, was sie sich abschneiden oder anmontieren lassen.

Und bevor mich die Empörung über das Aussprechen eines ach so politisch unkorrekten Wortes dahinrafft und ich wie ein programmierter Gutmenschenlemming reagiere, denke ich darüber nach, ob ich die relevanten Aspekte einer Aussage auch wirklich zu erfassen in der Lage war.

Und all den traurigen Kreaturen, die sich selbst für so wichtig halten, dass sie davon ausgehen, dass mich ihre Befindlichkeit nicht nur interessiert, sondern ich sie mir auch noch zu eigen machen muss, rufe ich zu:

Ihre Befindlichkeiten interessieren mich einen Scheißdreck. Und es zeugt von mangelnden Respekt gegenüber Ihren Mitmenschen, wenn Sie glauben, dass Ihre wurstige Befindlichkeit wichtig genug wäre, dass andere sie als gegeben hinnehmen müssten. Also seien Sie nicht allzu enttäuscht, wenn Sie losblöken, es mich aber nicht interessiert.

Verbindlichsten Dank.

Wenn Engel reisen

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Anbei finden Sie nach langer Funkstille meinen Beitrag zur Lesung des Herrn @Vergraemer im 4010 zu Köln am 16. April 2013.

Mein besonderer Dank geht an @Menschette, @3x3ist6, @MatthiasSachau und den Fitz für ihre großartigen Beiträge, an den Veranstalter für das kalte Bier und an das großartige Publikum für seine Leidensfähigkeit.

Guten Abend.

Für den unwahrscheinlichen Fall, dass Sie mein Onlinedasein nicht minutiös nachverfolgen, beginne ich diesen meinen Auftritt mit einer kurzen Vorstellung meiner Person:

Mein Name ist Franke und ich fahre gelegentlich mit der Bahn.

Ich hoffe, diese Vorstellung war kurz genug, um Sie nicht bereits zu Beginn meines Vortrags in Tiefschlaf zu versetzen. Zumal sie des Pudels Kern bereits enthält. Also, die Kurzvorstellung. Nicht Sie. Was Sie enthalten, entzieht sich weitenteils meiner Kenntnis. Und das ist auch ganz gut so. Pudel, Kerne, wo waren wir? Ach so, ja. Fahrten mit der Bahn. Lassen Sie uns über Fahrten mit der Bahn sprechen. Deswegen trägt dieser Beitrag auch den Titel

Wenn Engel reisen

Julia Neigel singt gern. Zuweilen über Engel. Für Geld. Also, nicht das Geld der Engel, sondern Ihres. Wenn sie dann für Geld über Engel singt, singt sie von deren Reisen. Eine poetische Vorstellung, nicht wahr? Man stelle sich vor, die versammelte Mannschaft der Erzengel kauft sich ein Schönes-Wochenende-Ticket der Bahn und dann sitzen Michael, Gabriel, Raphael, Uriel, Jehudiel, Sealtiel, Barachiel, Azrael, Israfil, Dschibril und Mikaal zusammen im Großraumabteil. Gut, genau genommen brauchen sie dann zwei Schönes-Wochenende-Tickets. Und haben auch noch Platz für Luzifer, der zwar recht frühzeitig den erlauchten Club verlassen hat, nichtsdestotrotz aber noch über gewisse Privilegien verfügt. Frau Neigel singt also irgendwie über diese Liga der Außergewöhnlichen Gentlemen.

‘Ich hab’ da plötzlich das Gefühl,
sie sind ganz sicher um uns rum,
Du glaubst, es gibt sie nur im Traum
und im Evangelium.’

Und daran, verehrte Damen und Herren, glaube ich nicht nur, ich weiß es.

Schnitt.

Regionalexpress, Samstag, 10:00 Uhr. Großraumabteil 1. Klasse, fünf Sitzplätze sind belegt. In einem kauere ich, denn nach Erscheinen einer Familie mit spätgebärender Mutter, leicht krumm gehendem, vorzeitig ergrautem Vater und zwei acht oder neun Jahre alten Kindern erwarte ich das Grauen. Und ich werde nicht enttäuscht.

‘Harald. Haaarald. Der Reithelm. Dort hin, Harald. Der Reithelm. Pack den doch dort hin. Da oben, Harald. Der Reithelm. Der Reithelm, Harald. Jetzt mach doch den Reeeeeiiithelm dort hin, Harald.’

Diese Litanei lässt sich auf der zirka 50 Minuten dauernden Fahrt von Neustadt am Rübenberge bis nach Bremen beliebig wiederholen. Während sich mein leises Wimmern langsam in den Ultraschallbereich hineinsteigert, träumt Harald davon, diesen einen schicksalshaften Fick vor 25 Jahren Rückgängig zu machen. Er träumt davon, damals doch die Rockerbraut genommen zu haben, nicht die Apothekertochter. Er träumt von einem wilden Leben in Freiheit; von Oberbekleidung, die ihm nicht seine Nervensäge aus der Hölle ausgesucht hat, er träumt von wilden Abenden bei einem Glas eiskalter Spezi, während er mit seinen Buchhalterkumpels kurz vor Sonnenuntergang auf einem OBI-Parkplatz abhängt.

Schnitt.

‘Sie tragen keine weißen Flügel
und auch kein’ Heiligenschein,
sie sind gekommen auf die Erde
um für uns alle da zu sein.’

Ja. Denn ohne gute Menschen, die sich täglich für uns aufopfern, wären wir ziemlich im Arsch.

Schnitt.

ICE Typ 3 Richtung Ruhrgebiet, Großraumabteil 1. Klasse.

Zwei Herren an einem Tisch. Beide leicht zerfledderte Jeans, Fleecepullis, schlecht sitzende Frisur, leicht fettiges Haar. Beide mehr als nur den Ansatz eines Bierbauchs. Jeder hat ein leeres und ein volles Weizenbierglas vor sich, auf dem Tisch liegen diverse Unterlagen der Industriegewerkschaft Metall.

‘Dass Scheiße mit Oppel.’
‘Yo, da werden wir den Kolleginnundkollegn schlechte Nachrichten überbring müssn.’
‘Immerhin zahlense uns die erste Klasse und die Spesn. (lacht) Prost!’

Schnitt.

Wenn die Engel reisen geh’n,
dann wandern sie ganz leis’ von Tür zu Tür.
Wenn die Engel reisen geh’n,
dann klopfen Sie irgendwann auch bei Dir.

Oh ja. Klopf klopf.

Schnitt.

ICE Typ 1 von Berlin nach München, 1. Klasse, Großraumabteil. Voll bis zum letzten Platz, denn es ist Ferienende in Bayern.

Ich sitze am Fenster, träume von auf- und ab wippenden Brüsten und davon, in der Bahn endlich mal ein Bier mit Schaumkrone serviert zu bekommen. Es tritt auf: ein blutarmes Männlein in Breitcordhosen und Pullunder mit zwei Koffern.

‘Das ist mein Platz!’

‘Guten Tag. Dieser Platz wird nicht als reserviert angezeigt, sind Sie sicher?’

Eine erste, zarte Röte bildet sich aufgrund meines Widerspruchs auf seinen Wangen.

‘Ich habe gesagt, das ist MEIN PLATZ!’

‘Haben Sie denn eine Reservierung?’

‘ICH HABE FÜR DIESEN PLATZ BEZAHLT!’

Erste Speichelblasen fliegen in meine Richtung, die Mitreisenden blicken sich etwas verwundert um. Es tritt auf: der Zugchef.

‘Griaß Eahna. Homma an Problem?’

Männlein hat jetzt ein Tremolo in der Stimme.

‘DAS IST MEIN PLATZ UND DIESER… H E R R GIBT IHN NICHT FREI!’

Tiefe Dankbarkeit, dass jetzt der Schaffner an meiner Statt angespuckt wird, breitet sich in mir aus.

‘Oba, dös is an bahn.comfort-Platz. Den kennans goa ned resaviat hom.’

Solcherlei Nicklichkeiten ist das erregte Männlein jedoch nicht zugänglich. Es schreit weiter.

‘ICH HABE FÜR DIESEN PLATZ BEZAHLT!…’

Blablabla.

Fünf Minuten später hat das Männlein genug geplärrt. Es hat mit seinem Anwalt gedroht (mir), einem Disziplinarverfahren (dem Zugchef) und einem Gang vor das Bundesverfassungsgericht (der Bahn). Die Fahrgäste auf den anderen Plätzen nehmen verstärkt Anteil. Manche sympathisieren mit Männlein, manche mit dem Schaffner. Ich lehne mich zurück, packe ein übel riechendes Lachs-Sandwich aus und genieße das Schauspiel.
Schlussendlich lässt das Männlein sich vom Schaffner dazu überreden, ihm seine Reservierung zu zeigen.
‘Oba. Dös is zwoate Klasse. Sia san hier in da Ersten. Hia dürfens ned bleiben. Do müssans gonz ans andere Ende.’ Zu mir gewandt: ‘Bitte entschuldigens die Belästigung. Do komma nix mocha.’

Schnitt.

‘Sie sorgen sich um unseren Frieden,
um zu helfen sind sie hier,
sie schauen uns von oben zu,
weil sie weiter sehen als wir.’

Das tun sie.

Schnitt.

Massiv verspäteter ICE Typ 3 auf der Fahrt durch Bayern, mitten in der Nacht. Mit mir an einem Tisch: drei Herren, die von einem Auswärtsspiel ihres Fußballvereins nach Hause unterwegs sind. Sie haben die dritte Verspätung des Tages bereits hinter sich. Dann kommt die Durchsage der Zugchefin, dass sie auch ihren letzten Anschlusszug verpassen und deswegen nicht vor morgens um vier zuhause sein werden.

Der ideelle Anführer der Gruppe steht auf, wuchtet seinen Rucksack aus der Gepäckablage und entnimmt ihm ein 5-Liter-Fass Bier, einen Zapfhahn und vier Pappbecher. Er sticht das Fass an, füllt die Becher und spricht folgende Worte:

‘Die Lage ist ernst. Aber wir haben noch edlen Gerstensud. Und morgen frei. Prost.’

Meine Damen und Herren, ich danke für Ihre Aufmerksamkeit.

Bahn fahren. Ganz einfach.

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Guten Tag.

Falls Sie den elektrischen Teil meines Daseins aufmerksam im einen oder anderen sozialmedialen Kanal verfolgen, dürfte Ihnen bekannt sein, dass ich weite Teile eben dieses Daseins in Zügen der Deutschen Bahn AG friste. Jetzt ist es ja nicht so, dass die Bahn und ich ein Arbeitsverhältnis miteinander hätten, Gott bewahre. Aber von Berufs wegen bin ich recht häufig unterwegs, und das eben zumeist per Bahn.

Als Reisender hat man es ja nicht immer einfach mit ihr, der Bahn. Im Gegensatz zur landläufigen Meinung ist das Hauptproblem aber nicht die vermeintlich schlechte Performance des Transportdienstleisters. Die Mitreisenden sind des Pudels Kern. Vor allem diejenigen, die nur gelegentlich mit der Bahn reisen. Und deswegen güstigstenfalls desorientiert und laut lamentierend durch die Gänge stolpern, keine Fahrpläne lesen können, die Luft verpesten oder einfach sabbernd im Weg stehen.

Jetzt hilft ja alles Klagen nichts – Taten sind es, die unser Dasein verbessern. Also habe ich mich entschlossen, einer Fahrt im ICE 1508 von Nürnberg nach Berlin dadurch einen gewissen Sinn zu verleihen, dass ich all diesen armen Seelen, die von einem mehr als 150 Jahre alten Transportprinzip offensichtlich vollständig überfordert sind, einen kurzen Almanach über das Reisen mit der Deutschen Bahn an die Hand zu geben.

Bitte, liebe Hobbyreisende. Bittebittebitte. Lesen Sie, was hier steht. Ihr Leben wird dadurch besser. Meines ebenfalls. Ich mache das Ganze auch alphabetisch, das sollte Ihnen die Orientierung erheblich erleichtern. Verbindlichsten Dank.

A
Anzeigetafeln: Diese dienen dazu, informationshungrigen Reisenden die Erleuchtung zu bringen. Aber Obacht: Papierfahrpläne, wie man sie auf jedem besseren Bahnsteig findet, sind aus Papier! Im Falle von Verspätungen oder anderen Misslichlkeiten aktualisieren sich diese Dinger einfach nicht. Egal, wie lange Sie murmelnd davor stehen, mit den Bratwurstfingern darauf herumtatschen oder sonstwie anderen Fahrgästen im Weg stehen, die ebenfalls ein Informationsdefizit zu beheben gedenken.
Elektronische Anzeigetafeln sollten Sie unbedingt ignorieren. Die sind zwar zumeist aktuell und hilfreich, aber da stehen bis zu drei Informationen gleichzeitig drauf. Das kann ja kein Mensch kapieren.

App: Wenn Sie im Besitz eines dieser modernen Dingsis sind, die überall Internet haben, ist schon viel gewonnen. Denn mittels dieser Geräte können Sie Informationen zu Ihrer Reise recht aktuell abrufen. Genauso schnell wie das Zugpersonal. Die schauen nämlich auch nur in der selben App nach wie Sie. Falls Sie den Download einer kostenlosen App vermeiden möchten, habe ich einen Geheimtipp für Sie: http://www.bahn.de. Oder, falls Sie sich so was merken können: m.bahn.de.

Aurich: Hat bis heute keinen Anschluss an das Schienennetz der Bahn. Zu Recht.

B
Bahn: Ja, die gibt es.

Bahnhof: Hier halten Züge. Außer in Wolfsburg. Falls Sie mal einen schönen Bahnhof sehen wollen, dann fahren Sie nach Uelzen oder nach Leipzig.

D
Deppen: Sitzen genug in der Bahn.

E
Erste Klasse: Ledergestühl, Service am Platz und zumeist Ruhe. Also erstrebenswert. Mit den Sparangeboten der Bahn oft sogar erschwinglich. Auf Fernreisen alternativlos.

F
Fernverkehr: Das Gegenteil von Nahverkehr.

G
Gepäck: Falls Sie zu den Idioten gehören, die in der Bahn mehr Gepäck herumschleppen, als sie selbst zu tragen in der Lage sind: ich helfe Ihnen nicht. Egal, welche Körbchengröße Sie haben.

Grube: Oberlokführer.

I
ICE: Immer eine gute Idee. Da das aber viele Menschen wissen, sollten Sie an Ferienwochenenden oder bei Reisen in der 2. Klasse reservieren, wenn Sie die Strecke und deren Auslastung nicht kennen. Kostet zwar extra, ist aber besser, als mehrere Stunden zu stehen.

K
Kinder: Bahnfahren ist für Kinder meist großartig. Es gibt Tische zum Malen und für Brettspiele, es ist Platz zum Toben da und die Türen sind während der Fahrt in der Regel geschlossen. Falls sich irgend ein Depp über Ihre Gören beschwert, empfehlen Sie ihm Kopfhörer. Oder ein Taxi.

Kopfhörer: Keine dabei zu haben ist ein Fehler epischen Ausmaßes.

L
Langeweile: Nehmen Sie nächstes Mal ein Buch mit. Oder irgend was mit Kopfhörern. Oder falten Sie sich einen schönen Hut.

M
Mobiltelefone: Also. Wenn Sie im Zug telefonieren müssen und das trotz der wirklich erbärmlichen Performance der deutschen Mobilfunkanbieter funktioniert, machen Sie das bitte im Vorraum zwischen zwei Wagen. Und nicht an Ihrem Platz. Es interessiert nämlich niemanden, was Sie mitzuteilen haben.

N
Nahverkehr: Gelegentlich notwendig, aber schwierig. Zumeist wenig Steckdosen.

P
Preise: Bahn fahren kostet Geld. Verrückt, nicht? Bevor Sie jetzt ob der zugegebenermaßen gesalzenen Preise der Bahn leise Klagelieder anstimmen, schenken Sie bitte folgenden Punkten Beachtung:

  • Wenn Sie bei der Bahn ein paar Tage im Voraus buchen, gibt es erheblich günstigere Tickets. Sie müssen eben ein paar Tage vorher darüber nachdenken, wo Sie hinwollen.
  • Besorgen Sie sich eine BahnCard. Die gibt es schon ab 40 Euro, die Rabatte machen sich schnell bezahlt.
  • Falls Sie Ihre Gören mitnehmen wollen: die sind entweder jung genug, um kostenlos mitzufahren, oder alt genug, um sie an die Pharmaindustrie zu verkaufen.
  • Schrullige Rabattkarten für Rentner, Jugendliche und dreihodige Transvestiten gibt es nicht mehr. Das war in den Achtzigern.
  • Wenn Sie kein tolles Billig-Ticket mehr erwischen, schalten Sie doch mal Ihr Gehirn ein. Die Dinger gibt es nämlich auch für die erste Klasse. Die sind selten ausverkauft und immer noch erheblich billiger als ein normales Ticket zweiter Klasse.

R
Reservierung: Teuer, bei Zugausfällen nutzlos und für Menschen, die eine Kombination aus Wagen- und Platznummer geistig nicht bewältigen können, meist unbegreiflich.

S
Spurweite: Die Spurweite im Netz der Deutschen Bahn AG beträgt 1435 Millimeter.

T
Toiletten: Im ICE der dritten Baureihe können Sie sich aufgrund des bodenlangen Spiegels selbst beim Kacken zuschauen. Das bieten Ihnen sonst nur sehr exklusive Verkehrsmittel.

V
Verspätung: Zugegeben, die Bahn hat gelegentlich Verspätung. Das ist, wenn der Zug später kommt. Und der Papierfahrplan deswegen nicht ganz hinhaut. Eigentlich sind es drei Gründe, aus denen Züge ernsthaft zu spät kommen:

  • Trottel, die Türen blockieren, im Weg stehen und dabei sabbern.
  • Arme Schweine, die sich aus Verzweiflung vor einen Zug werfen.
  • Irgendwas ist kaputt.

Wichtig bei Verspätungen: Immer schön aufregen und das Bahnpersonal anschreien! Jeder Zugbegleiter ist nämlich persönlich schuld an jeder nur denkbaren Verspätung. Und alle Mitreisenden wollen unbedingt wissen, dass Ihr Dickdarmprolaps heute noch klinisch versorgt werden muss und dies nur nach einer sechsstündigen Bahnfahrt geschehen kann.

W
Wagenstandsanzeiger: Das sind große, auffällige Papiertafeln, zumeist hinter Glas. Da steht drauf, in welcher Reihenfolge Ihr Zug einfährt. Also, wo die erste Klasse ist, wo Sie die Holzklasse finden und wo die Kneipe. Sollte das mal nicht hinhauen, wird es in der Regel angesagt. besonders toll ist, dass man durch die Kombination von Wagenstandsanzeiger, Durchsagen und Gehirn vermeiden kann, dass man vor Abfahrt des Zuges den ganzen Bahnsteig entlanghetzen muss und Panik aufgrund mangelnder Kombinationsgabe vermeiden kann.

Z
Zuverlässigkeit: Falls Ihnen die Bahn auf Ihrer genau einen Fahrt pro Jahr nicht zuverlässig genug ist, bedenken Sie folgendes:

Jeden Tag fahren 25.532 Personenzüge. Da geht manchmal was schief. Überraschung.

Zweite Klasse: Falls Sie Polyester mögen, sind Sie hier richtig. Ansonsten empfehle ich, selbige zu vermeiden.

Hackbratenzeit

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Guten Tag.

 

Es wird ja so allerlei gebloggt in letzter Zeit. Über das Leben, die Politik, Computerviren, Hitler und die Kommunikation des modernen Menschen in einer schnellebigen Gesellschaft. Mag all diese Umtriebigkeit auch vollumfänglich gerechtfertigt sein – ich gedenke, heute einen Kontrapunkt zu setzen.

 

Deswegen blogge ich jetzt über einen Hackbraten. Sie müssen es ja nicht lesen.

 

Man nehme:

  • Ein Pfund Gehacktes. In diesem Fall: Rind, Bio.
  • Eine Zwiebel, gerne etwas schärfer.
  • Ein Ei, ebenfalls Bio.
  • Paniermehl, aus glücklichen Weißbroten hergestellt.
  • Salz, Pfeffer, Gewürze. Nach Geschmack.
  • Sauerrahm.
  • Etwas Zitronensaft.
  • Und etwas Knoblauch. Des Aromas wegen.

 

Die Hauptzutaten des Hackbratens.

Die Hauptzutaten des Hackbratens.

Da so ein Hackbraten alleine ein etwas einseitiges Mahl darstellt, benötigt man noch die eine oder andere Beilage. Ganz im Sinne des bewährten Prinzips der Hausmannskost habe ich mich für ein Lauchgemüse entschieden, dazu noch das, was mein Vater als “Amerikanische Kartoffeln” zu bezeichnen pflegt.

Also nehme man weiterhin:

  • Einen Lauch.
  • Noch eine Zwiebel.
  • Etwas Brühe.
  • Ein Pfund Kartoffeln.
  • Weitere Gewürze.
Sättigungsbeilage.

Sättigungsbeilage.

 

Uns so beginnt es.

Schalten Sie Ihren Backofen ein. 180 Grad Celsius. Ob Sie einen Umluft-Ofen haben, ist mir egal.

Mischen Sie die Zutaten für den Hackbraten. Zwiebeln und Knoblauch sollten Sie vorher schälen und kleinschneiden.

Hackbraten, Stufe 1.

Hackbraten, Stufe 1.

Verwenden Sie Gewürze nach Wahl. In diesem Fall handelt es sich um:

  • Senfsaat,
  • Koriander,
  • Paprika,
  • Petersilie,
  • Salz,
  • Pfeffer,
  • Oregano,
  • Rosmarin.
Gewürze.

Gewürze.

Mischen Sie all diese Dinge, vorzugsweise mit der Hand. Dann formen Sie daraus einen Hackbraten und legen Sie selbigen in eine Auflaufform.

Hackbraten, Stufe 2.

Hackbraten, Stufe 2. Selbstverständlich sind Ihnen bei der Form des Hackbratens keine Grenzen gesetzt. Sie könnten also auch einen Monchichi-Jesus-Hackbraten formen.

Nun zur Sauce. Sie benötigen eine Schüssel und den Sauerrahm.

Sauerrahm in einer Schüssel.

Sauerrahm in einer Schüssel. Spektakulär!

Mischen Sie den Sauerrahm mit etwas Wasser, Zitronensaft und weiteren Gewürzen. Hier wurden Salz, Pfeffer und ein Hauch Oregano verarbeitet.

Sauerrahm and Friends.

Sauerrahm and Friends.

Geben Sie die Sauce zum Hackbraten. Neben den Hackbraten, nicht auf den Hackbraten. Das sieht dann so aus:

Hackbraten, Stufe 2b.

Hackbraten, Stufe 2b.

Da Ihr Backofen inzwischen wunderbar vorgeheizt ist, stellen Sie den Hackbraten ruhig hinein. Dann friert er nicht so. Lassen Sie Ihn da eine Stunde sitzen.

Jetzt haben Sie Zeit, sich ums Gemüse zu kümmern.

Schneiden Sie den Lauch in Scheiben. Ach ja – reinigen Sie ihn vorher. Wie das geht, erklärt Ihnen Ihre Mutter sicher gerne. Dann werfen Sie die Lauchscheiben in einen Topf, geben Sie etwa einen viertel Liter Brühe und das Zwiebelchen hinzu und kochen Sie das Ganze eine halbe Stunde; würzen Sie es mit einem Hauch Pfeffer ab. Mittlere Hitze reicht für den Garvorgang aus.

Lauch und Zeug im Topf.

Lauch und Zeug im Topf.

Die Kartoffeln können Sie mit oder ohne Schale zubereiten – Ihre Wahl. Ich bevorzuge mit. Raspeln Sie die (sauberen) Kartoffeln zu dünnen Scheiben, erhitzen Sie ordentliche Mengen anständiges Olivenöl in einer Pfanne und werfen Sie die Kartoffeln hinein. Ich empfehle, die Kartoffeln großzügig mit einem Grillgewürz Ihrer Wahl zu bestreuen und etwa 20 Minuten lang regelmäßig zu wenden.

Kartoffeln, ungewürzt.

Kartoffeln, ungewürzt.

Sie können die Kartoffeln auch anders würzen. Mein Vater nähme wohl Salz, Pfeffer und reichlich Kümmel. Mein Bruder käme jetzt mit Bockshornkleesamen an. Meine Mutter kann nicht kochen. Zumindest nichts, was ich freiwillig essen würde. Also machen Sie doch, was Sie wollen.

Kartoffeln, gewürzt.

Kartoffeln, gewürzt.

Wenn Sie das mit dem Timing einigermaßen hinbekommen haben, ist nach etwa einer Stunde alles servierbereit.

Ergebnis.

Hackbraten mit Sauerrahm, Lauchgemüse und Amerikanischen Kartoffeln.

Jetzt wäre ein guter Zeitpunkt, um es zu verzehren. Ich werde das jetzt jedenfalls mit meinem Hackbraten tun – Sie entschuldigen mich.

Kohlrabi.

Diese Kohlrabi steht hier nur zu Werbezwecken.

Dreckfresser

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Scheißen ist ja gerade groß in Mode. Besonders Deutschlands Jugend ist an diesem Wochenende mit wenig anderem beschäftigt, wenn man den tagesaktuellen Medien trauen darf.

Im Gegensatz zu den meisten, für Erwachsene eher schwachsinnig wirkenden, Trends unserer Puberkel haben wir hier eine Jugendbewegung, die sich nicht aus den in dieser Altersklasse üblichen Selbstfindungs- und Abgrenzungsritualen speist. Sondern eine, die der deutschen Jugend geschenkt wurde.

Deutschland Jugend scheißt gerade, weil Deutschlands Jugend das Noro-Virus hat. Falls Sie mit dieser wunderbaren Krankheit bisher noch keine Berührung hatten (Was ich Ihnen auch nicht wünsche (es sei denn, Sie sind Mitglied der Bundesregierung oder ein Dutzendsassa ähnlichen Kalibers)), möchte ich Ihnen einen kurzen Erfahrungsbericht zum Besten geben.

Für zart besaitete Gemüter wäre jetzt ein guter Zeitpunkt, dieses Blog zu schließen und sich verschämt einen freundlichen Tierporno reinzuziehen. Der ist netter. Sagen Sie nicht, ich hätte Sie nicht gewarnt.

Pathophysiologie

Also: Etwa einen Tag, nachdem man sich dieses Virus eingefangen hat, bekommt man Bauchschmerzen. In einem Ausmaß, dass man glauben möchte, es zerreißt einem alle Gedärme. In einem Ausmaß, in dem man alles tun würde, um diese Schmerzen zu beenden. In einem Ausmaß, dass ein Sprung vom nächsten Fernsehturm einem als verlockende Alternative erscheinet. Wenn man noch genug Kraft hätte, um dort hin zu kriechen.

Dieser Zustand hält dann zirka freundliche zwölf Stunden an, in denen man eine wirklich überzeugende Vorstellung davon bekommt, wie sehr einen der eigene Körper hassen kann.

Dann ist der Zeitpunkt erreicht, wo der Körper endlich beschließt, den ungebetenen Gast loszuwerden. Falls Sie es jetzt noch bis auf eine Toilette schaffen, werden Sie umgehend feststellen, dass eine gastrointestinale Infektion zwei Wege hat, um den Körper zu verlassen. Und dass Ihr Körper beide Wege nutzt. Gleichzeitig. Ohne Pause. Ausdauernd.

Nach dieser Phase, die ein paar Stündchen anhält, liegen Sie mit etwas Glück in Ihrem gefliesten Badezimmer in wirklich großen Pfützen diverser Ausscheidungsprodukte und danken Ihrer individuell gewählten Gottheit dafür – die schlimmsten Schmerzen sind vorbei. Dass Ihr größtes Problem jetzt nur noch darin besteht, dass Sie zu schwach sind, um aus dem eigenen Erbrochenen herauszukriechen, erscheint dann in der Tat als Gnade biblischen Ausmaßes.

Danach haben Sie eine Phase von ein bis drei Tagen, in der Sie Elektrolyte zu sich nehmen sollten, ansonsten ist ein Bett in der Nähe der Toilette eine gute Idee.

Hinterher stehen Sie noch ein paar Tage etwas wackelig auf den Beinen, aber dafür gibt es ja Krankschreibungen und diverse Ablenkungen, deren man auch in den eigenen vier Wänden habhaft werden kann.

Jugendsünden

Wenn wir also über den tagesaktuellen Jugendtrend des Noro-Virus-Habens und des damit zwangsläufig einhergehenden Scheißens reden, sollten wir im Hinterkopf behalten, welch großes Vergnügen dies im beschriebenen Falle darstellt.

Natürlich stellt sich jetzt die Frage, wie die Jugend an diese neue Partydroge kommt. Der Verdacht, dass all diese jungen Menschen das gleiche gegessen haben, liegt bei einer gastrointestinalen Infektion erschreckend nahe. Denn die Betroffenen haben eine hervorstechende Gemeinsamkeit: sie gehen in Schulen, in denen ihnen eine Schulspeisung geboten wird.

Das ist grundsätzlich eine gute Sache, soll doch die Jugend neben hehrer Bildung auch lernen, wie man sich vernünftig ernährt, um nicht nur zu einem wunderbar gesunden Teil unserer Volkswirtschaft zu werden, sondern die guten Ess- und Lebensgewohnheiten auch späterhin an ihren eigenen Nachwuchs weitergeben zu können.

Jetzt gibt es an so einer Schulspeisung aber einen kleinen Haken – sie kostet Geld. Und wie bei Ausgaben der öffentlichen Hand üblich, wird natürlich auf jeden Cent geachtet. Falls Sie die Beträge interessieren, die können Sie andernorts nachschlagen, denn hier gibt es durchaus lokale Unterschiede. In der Regel bewegen wir uns aber in einem Bereich von vier Euro pro Kind und Tag, die oftmals die Eltern selbst berappen müssen.

Selbstverständlich wird dieses “Essen” (wir wollen es großzügig so nennen, weil es sich im Rahmen des Lebensmittelrechts bewegt) beim günstigsten Anbieter erworben, denn, wir erinnern uns, wir müssen ja sparen. Einkäufe beim billigsten Anbieter sind aber ja nun mal so eine Sache. Denn wer auch immer dieses Essen anbietet, hat Kosten. Personal, Infrastruktur, Rohstoffe, Verwaltung, blah blah blah. Und zudem hat derjenige als Dienstleister selbstverständlich auch das Interesse, aus seiner Unternehmung Profit zu erwirtschaften.

Leider ist es ebenso selbstverständlich, dass bei Kosten, die in etwa einem ordentlichen Döner mit extra Schafskäse entsprechen, nichts besonders tolles herauskommen kann an kulinarischer Qualität. Und dass die Anbieter mutmaßlich auch nicht in unermesslichem Reichtum schwimmen, wenn alle Kosten abgegolten sind.

Was ist also die Folge? Es drängt sich der Verdacht auf, dass das erste, was nach den Konsumenten dieser kulinarischen Genüsse zu leiden hat, die Qualität ist. Zu der auch die Hygiene gehört.

Berechnungsgrundlage

Natürlich muss die Frage gestattet sein, was ein gutes Schulessen denn kosten darf und wer bitteschön es zu bezahlen hat. Das Statistische Bundesamt gibt an, dass wir derzeit 8,7 Millionen Schüler an allgemeinbildenden Schulen in Deutschland haben. Bei ungefähr 180 Schultagen im Jahr ergibt das also 1.566.000.000 Mittagessen. Das sind einskommafünf Milliarden. Ganz schön viel, nicht wahr?

Wenn wir jetzt davon ausgehen, dass man den Schülern nicht weiterhin Dreck zu fressen geben will, der sie krank machen muss, weil es der billigste Dreck ist, der auf dem Markt zu haben ist, stellt sich die Frage, was ein anständiges Essen kosten darf.

Ja, was darf es kosten? Einen Euro? Zwei? Fünf? Zehn?

Ziehen wir auch hier ein Beispiel heran. Wer besonders schnell besonders viel Essen servieren will, tut dies meist im Rahmen der so genannten Systemgastronomie. Neben den bekannten Frikadellendrehern und Bratwurstluden finden wir auf diesem Markt ja durchaus den einen oder anderen Anbieter, dessen Produkte zumindest als der menschlichen Würde nicht abträglich angesehen werden können.

Als berufstätiger Mensch im oberen Preissegment begebe ich mich hin und wieder zu einer Gastronomiekette namens ‘Vapiano’, die ihren Profit aus dem Verkauf italienischer Küche erzielt. Man kann jetzt darüber streiten, ob das Ambiente in so einem Laden gefällig ist, ob einem das Prinzip der Systemgastronomie gefällt oder ob italienische Küche an sich nicht nur etwas für vaterlandslose Gesellen ist.

Worüber man nicht streiten kann, ist, dass man hier für sieben Euro ein anständiges, frisch zubereitetes, auswahlreiches Mittagessen erhält.

Hierbei ist zu bedenken, dass die Eigentümer dieser Fastfood-Kette durchaus den Anspruch haben, sich selbst ordentlich zu nudeln, denn am Ende der täglichen Mühen will man ja auch mehr Geld haben als vorher.

Man kann also für sieben Euro pro Essen:

  • Die Infrastruktur aufbauen;
  • Gehälter bezahlen;
  • Frisches und abwechslungsreiches Essen zubereiten und
  • Einen Gewinn erzielen.

Jeden Tag. Zehntausendfach.

Sieben Euro, Unternehmerisches Denken, das über den Tellerrand hinausblickt und den Willen, das zu tun.

Wenn Sie ein schneller Kopfrechner sind, wissen Sie bereits, dass wir bei den veranschlagten Schülerzahlen und dem Preis des Essens also über elf Milliarden Euro Jährlich reden.

Dann haben alle Schüler in Deutschland jeden Tag ein gutes Essen auf dem Tisch. Derzeit scheißen sie sich aber die Seele aus dem Leib, die Schüler, denn niemand gibt ihnen dieses Essen.

Woher also soll man dieses Geld nehmen?

Feinkost

Um diese Frage zu beantworten, möchte ich Ihnen noch zwei Denkanstöße mitgeben, bevor ich Sie in die Nacht entlasse.

Im Deutschen Bundestag gibt es Kantinen. Diese werden von einem der renommiertesten Caterer des Landes beliefert. Hier erhält man zu Preisen, die auch ein Hartz 4-Empfänger als durchaus fair betrachten würde, ein Mittagessen hervorragender Qualität. Hier wird also jeden Tag geschlemmt, geschmatzt, gescherzt, gefressen und gefurzt, dass sich die Balken biegen – und das für einen Preis, der nur haltbar ist, weil der Deutsche Bundestag äußerst fair sich selbst gegenüber ist, was die Subventionierung der eigenen Kantinenkosten angeht.

Der selbe Bundestag hat uns letzten Herbst ein ‘Rettungspaket’ geschenkt, das einzig und allein den Zweck hat, dass Europas Banker trotz ihres eigenen Totalversagens bitteschön auf keinen Cent ihrer (aus eigener Sicht) wohlverdienten fetten Pfründe verzichten müssen.

Dieses Geschenk des deutschen Volkes an die Finanzwelt hat einen Umfang von dreihundert Milliarden Euro.

Mit dreihundert Milliarden Euro kann man an jedem Schultag jedem Kind in Deutschland ein anständiges Mittagessen bieten.

Siebenundzwanzig Jahre lang.

Speisekarte

Standard

Guten Tag.

Erinnern Sie sich? Vera int Veen konnte scheißen. Also, nicht so wie Sie und ich. Vera int Veen schiss wie ein griechischer Gott. Jeden Tag, mindestens ein Dutzend Mal.  Auf allen Sendern, zu jeder Uhrzeit. Und Vera int Veen schiss nicht wie wir. Vera int Veen schiss Backsteine. Mit Eisernen Kreuzen drauf. Nachts sogar mit Innenbeleuchtung.

Warum?

Weil Vera int Veen den korrekten Joghurt verzehrte. Und trotz ihres Bodymass-Indexes von geschätzten 137 hatte Sie keine Blähungen. Wir haben nämlich alle welche. Den ganzen Tag. Besonders, wenn man, wie ich, eine Frau jenseits der Dreißig ist. Wir furzen beim Aufstehen, im Bad, beim Frühstück, im Dienstwagen, in der Vorstandssitzung, am Fließband und bei der Bundesagentur für Arbeit. Wir furzen, wenn wir in Polen einmarschieren, Nobelpreise entgegennehmen, betroffen Reden in Jad Waschem halten und wir furzen bei Urschreitherapien im Teutoburger Wald. Wir furzen, im Gegensatz zu Vera int Veen, immer. Und überall. Hemmungslos.

Des Joghurts wegen. Den wir nicht essen, Frau int Veen aber schon. Deswegen haben wir auch keinerlei Abwehrkräfte. Vera int Veen hingegen hat gerade einen Zweitjob als Panzermine in Kandahar angenommen.

Inzwischen darf Frau int Veen nicht mehr für diesen Joghurt werben, denn der zugehörige Hersteller hat beschlossen, uns lieber mit einem neuen Werbeslogan zu behumsen. Und mit Senta Berger. Jetzt werden wir also alle faltig, wenn wir diesen Joghurt verzehren. Auch gut.

Ungereimtheiten

Werbung und Nahrungsmittel, das sind einfach Dinge, die nicht so gut zusammenpassen. Da wirbt Heidi Klum, die Ikone aller anorektischen Dorfmädchen, für eine Fastfood-Kette. Deren Kerngeschäft im Vertrieb von Industriefetten und Billigzucker besteht. Die Fußballnationalmannschaft frisst ohne Unterlass einen schokoladenlastigen Brotaufstrich, ohne den sie es nicht mal bis ins Halbfinale der Europameisterschaft geschafft hätte. Der Hauptbestandteil des Brotaufstriches, Pflanzenöl billigster Provenienz, kommt aus Ländern, die bei solchen Meisterschaften in der Regel nicht teilnehmen dürfen. Die lokalen Diktatoren investieren nämlich die Exportgewinne lieber in ihren Machterhalt als in die Sportförderung.

Dass mit der Werbung für Lebensmittel grundsätzlich etwas im Argen liegt, wissen wir nicht erst seit Auftreten der Slowfood-Bewegung. Bereits in den Siebziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts grinste uns eine junge Version von Franz Beckenbauer debil aus dem Fernseher an, während er tapfer hochchemische Tütensuppen vor eichenvertäfelten Wänden verzehrte.

Nicht, dass Sie mich falsch verstehen. Der Gedanke, dass Vera int Veen scheißen kann, dass es eine Pracht und Herrlichkeit hat, bewegt mich zutiefst. Und dass abgehalfterte ehemalige Topmodels sich nicht auf dem Straßenstrich verdingen müssen, sondern als behelfsmäßige KZ-Aufseherin im Privatfernsehen auftreten dürfen, lässt mich weiterhin an eine göttliche Gerechtigkeit glauben.

Ich finde es auch o.k., dass sich immer wieder ein paar Dumme finden, die glauben, die Hackfresse eines C-Prominenten würde die Wertigkeit ihrer Produkte erhöhen.

Interferenzen

Was mich dann aber doch in meiner Intelligenz beleidigt ist, wenn ich von einem Lebensmittelhersteller vermeintlich pfiffig belogen werde. Und zwar so kackdreist, dass es mir die Zehennägel rollt.

Stellen wir uns mal einen beliebigen Samstagabend vor. Da ich ein langweiliger Spießer bin, verbringe ich solche Gelegenheiten in der Regel mit meiner Freundin auf dem Sofa. Da furzen wir dann Löcher rein (der fehlende Joghurt – Sie erinnern sich), schauen gewaltverherrlichende gestohlene Videos, knallen uns mit Rauschgiften aller Art zu und halten volksverhetzende Stammtischreden. Und wir stopfen uns, der Natur deutscher Gemütlichkeit folgend, mit diversen Luxusnahrungsmitteln voll und lachen dabei.

Neulich lief mir bei solch einer Gelegenheit eine Tüte Kartoffelchips über den Weg. Aber es waren nicht irgend welche Kartoffelchips – oh nein. Es waren Rosmarinchips. Während ich also schwatzend die Zeit verplemperte und mit höchstem Genuss händeweise Rosmarinchips in mich hineinstopfte, fiel mein geneigter Blick auf die Verpackung selbiger. Jetzt ist es ja nun so, dass ich von Berufs wegen mein Gehirn vermiete. Und ich die ungute Angewohnheit, zu denken auch dann nicht ganz ablegen kann, wenn ich mich eigentlich in meiner Freizeit befinde.

Also las und dachte ich. Und ich las Erstaunliches. Das von mir erwählte Produkt, eine Packung “Naturals” der Firma Lorenz, verfügt über mancherlei wirklich bemerkenswerte Fähigkeiten.

Zunächst handelt es  um einen “unverfälschten Genuss”. Gut, das geht in Ordnung. Man ist heutzutage ja schon dankbar, wenn man keinem hinterlistigen Kartoffelchipstrickbetrüger aufsitzt, von denen man in letzter Zeit so viel in der Weltpresse liest. Oder einem Kartoffelchipsnazi. Von Kartoffelchipsverfälschern ganz zu schweigen.

Zudem enthalten die Chips nur “natürliche Zutaten”. O.k. – das könnten jetzt, theoretisch gesprochen, auch getrocknete Kakerlaken sein. Oder die Körperflüssigkeiten sizilianischer Bauarbeiter. Aber “natürlich” klingt so wunderbar nach rotbäckigen, lachenden Kinderwagenschieberinnen im Prenzlauer Berg, dass es per se schon warme Gefühle in mir auslösen muss.

Des weiteren befinden sich in diesem Spitzenprodukt der Deutschen Lebensmittelchemie keine künstlichen Aromen. Gut, das wäre sowieso verboten, aber werben kann man damit ja trotzdem.

Bevor ich zum Ende meiner Ausführungen komme und meine Darbietung mit einem orientalischen Schleiertanz beende, möchte ich Sie noch auf das “Naturals-Reinheitsgebot” hinweisen. Dort steht geschrieben:

“Die speziellen Kartoffelsorten für NATURALS beziehen wir nur aus unserem eigenen Vertragsanbau. Dieser wird streng kontrolliert.”

Was, bitte, liebe Kartoffelchipshersteller, wird denn da genau kontrolliert? Dass die Genkartoffeln groß wie Fußbälle werden? Dass die polnischen Leiharbeiter für die Ernte nicht mehr als einen Euro fünfzig pro Stunde erhalten?

Bitte. Bittebittebitte. Werden Sie doch etwas weniger wohlfühlig und etwas spezifischer in der Aussage.

Ein letzter Hinweis noch, dann kommen wir zum Ende.

Die “Guideline Daily Amounts” auf der Chipstüte weisen auf den Nährstoffgehalt hin. Nun wissen wir ja alle, dass diese Zahlen nicht von einem Lebensmittelinstitut, sondern von einer Werbeagentur erdichtet werden. Ist ja auch o.k., wir essen ja schließlich gerade “Naturals”. Aber, mit Verlaub, eine Portionsgröße von 30 Gramm Chips ist doch albern. Selbst wenn man mit so einer Fingerhutportion Dinge schönrechnen will. Wenn ich prall auf dem Sofa sitze esse ich eine Tüte Chips. In diesem Fall also 110 Gramm am Stück. Und lache dabei. Warum also steht dann nicht auf der Packung, dass ich damit mehr als 50 Prozent des täglichen Fett- und Salzbedarfs aufnehme?

Liebe Lebensmittelindustrie. Und liebe Werbeäffchen der Lebensmittelindustrie.

Überzuckerter Joghurt macht mich nicht gesund. Cheeseburer machen mich nicht attraktiver, als ich es sowieso schon bin.

Und Karftoffelchips machen mich fett.

Und glücklich.

Belassen wir es dabei.

Textile Schelmereien

Standard

Guten Tag.

Er ist ja in den letzten Tagen recht ordentlich durch durch die Medien getreten worden, der Herr Niebel. Nicht, weil er das albernste Ministerium einer an Albernheiten nicht gerade armen Bundesregierung leitet, Gott bewahre. Sondern seines Teppichs wegen. Wir erinnern uns. Als Herr Niebel neulich am Hindukusch herumniebelte, um das Grundgesetz unter die Ungläubigen zu bringen, fiel ihm einiges auf.

Erwerb

Zunächst, dass der Afghane an sich recht gerne auf Teppichen herumlümmelt. Dann, dass er selbige auch gerne gegen Valuta zu veräußern bereit ist.  Drittens, dass diese meist durch Kinderarbeit gefertigten Heimtextilien sehr viel günstiger zu haben sind als zuhause.

Also – flugs wurde ein Teppich erworben, so ungefähr 850 Euro soll das gute Stück gekostet haben. Jetzt bestand nur noch das Problem mit dem

Transport.

Wie auf dem folgenden Beweisfoto recht deutlich zu erkennen ist, neigt Herr Niebel seit jeher zum Schmuggel von Textilien aus Entwicklungsländern. Da aber auch die Kleiderordnung des Deutschen Bundestages nur eine geringe Anzahl geschickter Verstecke zulässt, musste er sich bisher auf Webwaren in der Preisklasse von Bettvorlegern beschränken.

Auf diesem Bild schmuggelt Herr Niebel gerade einen neukaledonischen Bettvorleger. (Quelle: Wikipedia)

Auf diesem Bild schmuggelt Herr Niebel gerade einen neukaledonischen Bettvorleger. (Quelle: Wikipedia)

Es musste also eine Transportmöglichkeit für den Teppich her. Was lag da näher, als bei der Lufthansa für 326 Euro ein Ticket zu buchen und selbigen Teppich von Kabul nach Berlin zu verfrachten? Richtig – so manches. Zum Beispiel, dass das Dienstflugzeug des Oberagenten des Bundesnachrichtendienstes gerade zur Hand war. Man so einen Teppich also kurzerhand auf Steuerzahlers Kosten von K nach B transportieren kann. Wieder 326 Euro gespart.

Zoll frei Haus

Ohne selbiges Prunkstück seiner Kemenate zu verzollen, ließ Herr Niebel den Teppich dann von seinem Fahrer (2 x 7,50 Euro/Stunde) nach Hause transportieren, um sich im Kreise seiner Lieben daran zu erfreuen.

Nachspiel

Leider leben wir in einer Welt voller Neider. Die Herrn Niebel seinen schönen Teppich nicht gönnen. Oder, dass er nicht wie ein Normalsterblicher für Privatvergnügen aus der eigenen Kasse aufkommen möchte. Oder, dass er wie ein Normalsterblicher Einfuhrumsatzsteuer zu entrichten habe.

Man kam ihm also auf die Schliche, dem Herrn Niebel. Schlussendlich wurde der mediale Bohai so weit getrieben, dass es im Deutschen Bundestag™ zu einer aktuellen Stunde kam.

Worum geht es da? Ist eigentlich ganz einfach. Im Deutschen Bundestag™ sitzen derzeit 622 furchtbar wichtige Leute, die so genannten Abgeordneten. Und so vier, fünf Mal im Monat tun sie das, wofür sie bezahlt werden. Dann setzen sie sich in ihr Großraumbüro und spielen gelangweilt auf ihren iPads herum. Ansonsten sitzen sie in kleineren Büros. Und lassen sich schwarze Koffer überreichen. Oder vögeln ihre Sekretärinnen. Manchmal ziehen sie sich auf den Bundestagsklos auch Koks. Oder sie fliegen in der Gegend herum und kaufen Teppiche.

Aber ich schweife ab.

Also an den zirka fünf Tagen im Monat, an denen diese Menschen ihren Job machen, reden sie auch miteinander. Manchmal haben sie ein Thema. Und wenn ihnen keines einfällt, dann machen sie eine aktuelle Stunde draus. Und spielen noch gelangweilter auf ihren iPads herum. Dafür bekommen sie 10.000 Euro im Monat.

Wenn also 622 Berufsfau… Abgeordnete fünf Arbeitstage im Monat haben, kostet das pro Nase und Tag 2000 Euro. Und wenn sie dann einen Tag lang beim iPad-Rumspielen theoretisch über Herrn Niebels Teppich nachdenken, macht das 1.244.000 Euro.

Gesamtkosten

Kommen wir also zum Schluss.

Ein Teppich: 850 Euro

Ein Transport von Kabul nach Berlin Tegel: 326 Euro

Lieferung frei Haus: 15 Euro

‘Vergessener’ Zoll: 161,50 Euro

Ein (weiterer) Tag Zeitverschwendung im Deutschen Bundestag™: 1.244.000 Euro

Macht zusammen: Total viel Zaster.

Den gar nicht Herr Niebel bezahlen musste. Abgesehen von den 850 Euro für den Erwerb, natürlich.

Summa Summarum

Sehr geehrter Herr Niebel, Lieber Dirk!

Irgend jemand muss ja Bundesminister für Apfelsaftnachschenken und peruanische Sorgenpüppchen sein, das sehen wir ein.

Dass Sie das sind, finden wir auch o.k., man stelle sich vor, irgend ein Irrer hätte Ihnen eine verantwortungsvolle Position gegeben.

Ebenfalls billigen wir, dass Sie in der Gegend herumfliegen und den Heiden die Segnungen unserer freiheitlich-demokratischen Grundordnung näherbringen.

Auch dafür, dass Sie sich wie ein Aal winden, wenn es um die Umgehung der deutschen Steuergesetzgebung geht, können wir Verständnis aufbringen. Den Staat bescheißt schließlich jeder, wenn er kann.

Selbstverständlich können wir auch damit leben, dass Sie das zwar versuchen, aber leider zu doof sind, sich dabei nicht erwischen zu lassen.

Dass Sie wegen so eines kleinen Betrugs keine Lust haben, zurückzutreten, finden wir auch o.k. Denn wo kann ein Diplom-Verwaltungswirt (FH) schon so viel Zaster einfahren, ohne jemals dafür ins Schwitzen zu geraten.

Aber.

Wenn Sie das nächste Mal unser Geld für Ihr Privatvergnügen in den Ofen stecken wollen, fahren Sie bitte mit dem Taxi nach Kabul. Da passt nicht nur ein Teppich rein, das ist auch erheblich billiger.

Danke.